Stopp Air Base Ramstein

Flag UK [EN] Close Air Base Ramstein (English translation of Drewermann’s speech)

Versöhnungskirche Kaiserslautern – 8. September 2017

Ann Wright 01:32 – Eugen Drewermann 17:07 – Daniele Ganser 55:18

Transcript:

Die US Air Base Ramstein gehört nicht auf deutschen Boden!

Eugen Drewermann

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde des Friedens,

von Herzen danke ich den Organisatoren und Veranstaltern der Friedensbewegung fuer den heutigen Abend, Ihnen allen aber fuer das große Engagement, in der Versöhnungskirche in Kaiserslautern nachdruecklich und nachhaltig Nein zu sagen zur US Air Base in Ramstein. Sie gehört nicht auf deutschen Boden, und wir sind nicht länger verpflichtet, fuer unsere transatlantischen Freunde eine Zentrale des internationalen Mordens außerhalb von Gerichtsurteilen – illegal und in der Regel im Geheimen – weiter zu unterhalten.

Die Drohnenmorde begannen unter George W. Bush, ausgedehnt unter Barack Obama, sind natuerlich billiger als “Boots on the Ground”, als Kampfeinsätze und militärische Truppen am Boden. Es hieß, dass Langley und die CIA inzwischen die Auseinandersetzung mit dem Pentagon in dieser Frage gewonnen haben. Es werden mehr Drohnenpiloten ausgebildet als Bomberpiloten, denn vor allem ist es billiger und fuer die Weltöffentlichkeit nicht so spektakulär wie große Bombeneinsätze.

Das aber bringt die Friedensbewegung in eine merkwuerdige Situation. Das Thema Krieg und Frieden – Abruestung, Deeskalation, Abbau der Militärpräsenz global – spielt im Bundestagswahlkampf kaum irgendeine Rolle – außerhalb der muehseligen Bedingungen und Bemuehungen der Linkspartei.

Die Situation der Gegner des Krieges ist zu vergleichen mit der Lage der griechischen Trojanerin Kassandra. Sie war von Apoll damit bestraft worden, weil sie ihm die Liebe verweigerte, alles sehen zu muessen und verkuenden zu sollen, ohne je Gehör und Gefolgschaft zu finden. Wir, die Friedensbewegung, sehen den Aufmarsch von einem Krieg in den nächsten, wir erklären, wie das Ende dieses Desasters sein wird, aber die Politiker scheinen taub zu sein, wenn wir sie hinweisen auf all das, was weder dem Frieden, noch der Gerechtigkeit, noch dem Zusammenwachsen der Völker dienen kann.

Am heutigen Tag erleben wir mit, wie (der Hurrikan) “Irma” durch die Karibik zieht und Insel um Insel verwuestet. Wir sehen, wie in Mexiko ein Erdbeben der Stärke 8 Elend und Leid bringt. Seit Monaten erleben wir, wie zwanzig Millionen Afrikaner auf der Flucht vor Hunger und Elend darum betteln, von der UNO die nötigen etwa 4 Milliarden Dollar zu bekommen, damit sie wenigsten ueberleben (können). Es ist der UNO nicht möglich, 4 Milliarden Dollar zu geben, damit 20 Millionen Menschen ueberleben können, aber es ist möglich, Herrn Stoltenberg, dem Chef der NATO, zuzustimmen, (der gefordert hat, dass) die europäischen NATO-Mitglieder ihre Militärausgaben gefälligst auf 2 Prozent der Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen haben. Fuer diesen Schwindel scheint jedes Geld auf Erden richtig und gut angewandt – es ist es aber nicht.

Allein die Ruestungsausgaben sind ein laterales Hinmorden der Beduerftigsten, und wir in Deutschland bereiten uns darauf vor, dass die 35 Milliarden Euro fuer Ruestung rasch auf ueber 70 Milliarden anwachsen sollen. Das ist eine sinnlose Verschwendung – selbst Herr Kissinger sagt das inzwischen. Wir haben eine Unmenge an Zeitvergeudung und an Verurteilung fremder Staaten hinter uns – anstatt miteinander zu reden und Gespräche fuer
den Frieden einzuleiten.

Ich höre sagen, die NATO sorgt sich vor Russland. Russland gibt ungefähr 80 Milliarden Dollar pro Jahr fuer Ruestung aus – das ist allemal zu viel. Aber es ist nicht ein Zehntel von dem, was “God’s own Coutry”, die USA (sich leisten, die) zusammen mit den 300 Milliarden der restlichen NATO-Staaten mehr als 900 Milliarden Dollar fuer Ruestung ausgeben. (s.http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP02616_230216.pdf ). Der Westen wendet also fast die Hälfte aller weltweiten Militärausgaben fuer seine Machtansprueche auf den gesamten Globus aus, und wir sollten außerstande sein, uns dagegen zu wehren – gegen eine Bevölkerung, die das alles aussitzen und verschlafen will, nur weil wir eine Kanzlerin haben, die jede Diskussion vermeidet und die letzte Gelegenheit, im Parlament darueber zu reden, unterbindet?

Die Amerikaner unterhalten etwa 600 Milit.rstuetzpunkte weltweit (s. http://www.luftpost-kl.-de/luftpost-archiv/LP_16/LP14817_120917.pdf), Russland hat einen einzigen – in Syrien. Wer hat da Grund, sich vor wem zu fuerchten? 1989 hat Michael Gorbatschow dem (US-) Unterhändler James Baker (s. https://de.wikipedia.org/wiki/James_Baker ) ein ehrliches Angebot gemacht: Man könnte Europa nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und bei Auflösung der NATO entmilitarisieren – vom Ural bis zur Atlantikkueste.

Stellen Sie sich vor, wir hätten nur in den letzten 25 Jahren die enormen Anstrengungen fuer Ruestung konvertieren können, zur Lösung der wirklichen Probleme dieser Welt – Hunger, Elend, Naturzerstörung, Analphabetismus, Seuchen, Krankheiten, was Sie wollen. Die UNO benötigt mindestens 4 Milliarden als einen Dauerposten fuer unmittelbare Katastropheneinsätze. Nicht einmal dieser Posten steht zur Verfuegung. Stattdessen wird dann die Bevölkerung gebeten, in den nächsten 6 Wochen oder 2 Monaten persönlich zu helfen den Katastrophenopfern in Mexiko, in Haiti oder sonstwo. Menschen in einem Erdbebengebiet brauchen Hilfe und zwar unmittelbar und nicht erst in 6 Wochen, denn dann sind sie tot. Nicht einmal das ist möglich.

Wir hören, dass wir einen internationalen Antiterrorkrieg fuehren muessen. Nelson Mandela hat bereits gesagt, dass auf jeden getöteten Terroristen 10 neue Terroristen kommen, und das ist wahr. 2001 hatten wir in Afghanistan etwa 1.000 Al-Qaida-Mitglieder, der IS rekrutiert heute bis zu 30.000 Terroristen. Und vergleichen Sie die Taten. Wenn der IS 10.000 Menschen getötet hat, ist das eine furchtbare Zahl. Aber die Amerikaner haben im Nahen Osten ueber 2 Millionen Tote zu verantworten – seit 1991 und dann ab 2003 in zwei langen Kriegen. Alleine in den Proportionen stimmt der Satz: Terror ist der Krieg der Schwachen, Krieg aber ist Terror der Starken, und den muessen wir ueberwinden.

Statt auf Gorbatschow zu hören, verfolgte Bush der Ältere ab 1991 den Plan, die NATO nach Osten zu erweitern und die USA zur globalen Hegemonialmacht zu machen. Seitdem haben wir einen Krieg nach dem anderen: 1991 im Irak, 1992 in Somalia, 1995 gegen Belgrad, 2001 in Afghanistan, 2003 wieder im Irak, dann kamen Libyen, Syrien, und Mali – und wir Deutschen immer irgendwie mit dabei, uns scheibchenweise der Realität des Krieges annähernd, unter dem Stichwort, wir muessen uns um Afrika kuemmern, denn wir haben eine internationale Verantwortung. Jawohl Frau Merkel und Frau von der Leyen, wir hätten internationale Verantwortung – im Kampf gegen Hunger und Elend, aber nicht mit Bomben und Granaten.

Man luegt uns in einen Krieg nach dem anderen hinein (s. http://www.luftpost-kl.de/luftpostarchiv/LP_16/LP14517_090917.pdf ) und nennt dabei das Töten von Menschen “humanitäre Einsätze”. Wir verteidigen mit keinem Krieg irgendeinen humanitären Wert. Krieg ist die Widerlegung aller Werte, und er zerstört sich selber in seinem moralischen Anspruch – durch den Einsatz von Mitteln, die in keinem zivilen Zusammenhang genehmigungsfähig wären. Was (ist das) ueberhaupt fuer eine Logik?

Erasmus von Rotterdam hat in der “Klage des Friedens” (nachzulesen unter https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Klage_des_Friedens ) 1520 geschrieben: “Doch wenn es zum Krieg kommt, keine der kombattanten Parteien die eigene Sache fuer eine unrechte halten wird. Dann aber fällt man uebereinander her, um wie in einem Gottesurteil auf dem Schlachtfeld herauszufinden, wer der Stärkere sei. Und der Besitzer der schlimmsten Mordwaffen, weil er siegreich war im Abschlachten von Menschen, soll ausgerechnet die Rechtsinstanz sein, die jetzt verkuendet, dass sein Anspruch schon immer recht gewesen wäre. Das ist absurd.” Das meinte Erasmus von Rotterdam schon vor einem halben Jahrtausend. Wann begreifen wir endlich, dass Krieg kein Problem löst, aber alle bestehenden Probleme nur vermehren kann.

Statt Krieg zu fuehren, muessten wir miteinander reden. Die Idee Gorbatschows ist im Grunde sehr alt, und wir hätten nur jemandem folgen muessen, dem wir damals nicht glauben wollten. Einer der Hauptkonstrukteure des so genannten Kalten Krieges ab 1945 war Sir Winston Churchill. Am 10. Mai 1953 bringt es Winston Churchill im Rueckblick auf seine gesamte Amtszeit kurz vor seinem eigenen Sterbedatum in einer ergreifenden Rede fertig, zu sagen, der Kalte Krieg muesse beendet werden. Er sei eine ungeheure Verschwendung von menschlichen, wirtschaftlichen, militärischen, kulturellen und politischen Ressourcen. Er muesse gestoppt werden, damit wir die Zukunft gewinnen (könnten). Der kalte Krieg sei desaströs. Das stammt von dem Mann, der den ueber 50 Jahre dauernden Kalten Krieg mit zu verantworten hat.

Uns Deutschen hat man aber beigebracht, dass wir uns wiederbewaffnen muessten – zwei Jahre später im Jahr 1955 (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Wiederbewaffnung ) – damit wir all das Furchtbare lernen, zur Aufrechterhaltung der “Balance of Power” (s. https:/de.wikipedia.org/wiki/Balance_of_Power_(Doktrin), der wechselseitigen Bedrohung, und damit wir nie tun muessten, was Soldaten zu tun pflegen. Wir könnten das Töten von Menschen vermeiden, indem wir mit dem Töten von Menschen derart furchtbar drohen, dass uns niemand anzugreifen wage. Dieses moralische (Konstrukt) war die Einleitung der bundesdeutschen Luege zur Bundeswehr West.

Man kann nur ernsthaft drohen, wenn man willens ist, das Angedrohte im Ernstfall auch zu tun. Und das waren wir, das waren die uns Regierenden. Sie hielten Atomkriege fuer fuehrbar. Sie waren in der Kubakrise 1962 (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Kubakrise ) bereit, auf den Knopf zu druecken. Wir haben mehrfach Glueck gehabt. Und jetzt (ist) wieder zu hören, dass die 15.000 Nuklearsprengköpfe der Amerikaner modernisiert werden muessen, damit sie noch besser, taktisch klueger und präziser einzusetzen wären (s. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP01016_220116.pdf ), und sie sollen weiter in Buechel auf deutschem Boden gelagert sein; (das) kann nur beantwortet werden mit höchstem Widerspruch. Und wir verlangen, dass die bundesdeutsche Regierung selber diese, unsere Stimme des Widerstandes endlich aufgreift. Herr Westerwelle als Außenminister war willens und fähig, dafuer zu sorgen, dass Buechel geschlossen wird. Frau Merkel war es nicht. Sie musste in atlantischer Treue den Amerikanern weiter in den Krieg folgen. Wer stoppt eigentlich Frau Merkel?

Jetzt schreiben sogar Mainstream-Medien wie die Sueddeutsche, man werde mit Nordkorea reden muessen. Ich frage Sie, in welcher Welt befinden wir uns, dass erst einmal Wasserstoffbomben gezuendet werden muessen, damit die Mächtigen willens werden, miteinander zu reden. Es ist Putin, der den Amerikanern den Vorschlag gemacht hat, sie und die Suedkoreaner sollten ihre Militärmanöver abblasen und dann Nordkorea (auffordern,) seine Atomruestung (zu) stoppen. Beides wäre gleichgewichtig, und es wäre sogar die geheime Absicht Nordkoreas, genau das zu tun.

Wer macht sich noch eine Vorstellung, wie ab 1950 Nordkorea unter Napalm verbrannt wurde – in einem der furchtbarsten, menschenfressenden Kriege, die wir im ganzen 20. Jahrhundert hatten. Da ist eine Riesenschuld zu begleichen, die aber meistens totgeschwiegen wird – scheinbar, weil nicht wir damit leben (muessen).

Allein, dass wir Raketen aufstellen im Baltikum, zeigt, in welch einem Wahnsinn die uns Regierenden immer noch befindlich sind. Was am 6. August 1945 ueber Hiroshima geschah, hätte das Bewusstsein der Menschheit ein fuer alle Mal ändern können: Niemals mehr Hiroshima, niemals mehr Nagasaki! Stattdessen haben wir die Dauerbedrohung zum Normalzustand gemacht. Wir muessen aufhören, uns von den Regierenden Angst einjagen zu lassen.

Wir können sagen, wir verstehen die trojanische Kassandra. Wir reden von all dem, aber wer hört denn wirklich auf uns, und was können wir persönlich tun? Die nächste Wahl wird hingehen, und wir werden erleben, dass alles weiter geräuschlos hinter der Buehne Tritt fasst und in Marsch kommt.

Wir als Einzelne können eine Menge tun, indem wir in unserer eigenen Umgebung und Zuständigkeit, bei unseren Freunden, in Gesprächskreisen, (in) den eigenen Familien Frau von der Leyens Programm, die Bundeswehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen zu lassen, mit Bewusstsein und in Klarheit boykottieren. Sie schickt ihre Bundeswehroffiziere inzwischen in die Schulen, um 16- und 18-jährigen Jungen und Mädchen beizubringen, dass Soldatsein, ein Beruf wäre. Helmut Schmidt hat einmal gesagt, Soldatsein sei kein Beruf – da hatte er recht. Dann fuegte er aber hinzu, es sei eine Pflicht; da er sich gern auf Immanuel Kant berufen hat, hätte ihm gesagt werden muessen, Soldatsein ist nie eine Pflicht, es ist stets verboten, denn immer muss die Moral bestimmen, wie die politische Handlung zu sein hat, nie aber die Politik die Moral.

Vor 200 Jahren konnte Immanuel Kant bereits klar und deutlich formulieren, dass, so lange aufgeruestet wird, die Option des Krieges vorbereitet wird und (dass) schon die Kosten des Krieges verbrecherisch sind – in Ansehung der Ungerechtigkeit und des Leids, das damit einhergeht. Es ist widersinnig, auf diese Weise Frieden präparieren zu wollen, denn wo der eine seine Kriegsbereitschaft durch Ruestung dokumentiert, wird der Nachbarstaat oder der angezielte potentielle Gegner genau so ruesten. Und er wird schlimmer ruesten muessen, als der andere, denn nur der ueberlegene wird auch auf dem Schlachtfeld ueberleben (s. http://philosophiebuch.de/ewfried.htm ).

Krieg wird sich immer weiter steigern. Der preußische Militärstratege Clausewitz (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Clausewitz ) hatte völlig recht: “Ein Krieg hat in sich die Tendenz, zum Unendlichen zu gehen, wenn nicht äußere Faktoren hemmend auf ihn einwirken.” Wir sind hier, (um) schon auf die Kriegsvorbereitungen hemmend einzuwirken, so lange wir reden und denken können. Wir sagen, Schluss damit – mit der Ruestung, der Kriegsvorbereitung und der Schaffung der Kriegsbereitschaft schon in den Köpfen von 16- und 18-Jährigen.

Und so sagen wir Frau von der Leyen: Soldatsein ist kein Beruf wie jeder andere. Es ist möglich, dass Sie sich beim Einkauf einer Wurstware keine Gedanken ueber die Schlachtungsbedingungen in der Schlachthöfen an der Peripherie der Großstädte machen. Es ist auch möglich, dass man die Bevölkerung derart eindämmert, dass sie am Ende glaubt, Sicherheit käme von weit entfernten Maßnahmen, die sie kaum sieht und auch nicht bemerken soll, die aber blutruenstig genug und inakzeptabel wären, könnte man sie sehen. Und wir sind hier, möglichst bewusst zu machen, was Soldatsein heißt.

Es ist das Gegenteil von dem, was ein Buerger sein sollte. Es ist die geborene Schizophrenie, denn der Krieg verteidigt nicht die Kultur, er widerspricht ihr in allem. Alles, was im buergerlichen Zusammenleben als verboten und verbrecherisch gebrandmarkt wird, ist im Krieg die trainierte Ausfuehrung gegebener Befehle, die zum Sieg fuehren sollen. Um (das Jahr) 220 schreibt in Nordafrika der Kirchenvater Cyprian (s. dazu auch https://de.wikipedia.org/wiki/Cyprian_von_Karthago ): “Deck die Dächer der Häuser dieser Welt ab, und du siehst die Welt triefen vor Blut, denn mordet ein Einzelner einen Einzelnen, dann ist das ein Verbrechen. Mordet aber einer auf Befehl des Staates Hunderte, dann ist es verdienstvoll, und er wird dafuer geehrt. Das bedeutet es, Soldat zu sein – geschuetzt durch den Gesamtraum des Kollektivs, Dinge tun zu muessen, die keinem privaten Willen unter normalen Bedingungen entstammen könnten.

Ein Rueckfall in die Steinzeit – das heißt Soldat (zu) werden, und eben deshalb ist das Training auf den Kasernenhöfen nötig. In Stanley Kubricks Film (Full Metal Jacket) wird das klar analysiert. Der Drill-Sergeant muss das persönliche Gewissen niederbruellen und niederschreien. Er ist ab sofort d i e Autorität – kein Pastor, kein Papst, kein eigener Vater, niemand. Er befiehlt. “That’s an order!” (Das ist ein Befehl!), und es wird nicht diskutiert ueber die Richtigkeit des Befehls, einzig zu verantworten ist die korrekte Ausfuehrung des Befehls. “Also, wenn ich euch sage, ihr bringt die auf dem Huegel alle um, dann bringt ihr sie alle um. Wir machen euch zu Profikillern.” Schauen sie Stanley Kubricks Film “Full Metal Jacket” an, die erste halbe Stunde, die Präparation auf den Vietnamkrieg. Permanent entmenschlichte Personen, die sich nur noch bewegen wie Menschen. In ihnen steckt die Bereitschaft zum Morden, und die ist jederzeit abrufbar. Das von der Zivilisation geprägte Verhalten wurde durch den Drill auf dem Kasernenhof ausgelöscht. Das nennt man dann Gehorsam.

Dabei haben Amerikaner 1947 im Nuernberger Prozess diesen (Kadaver-)Gehorsam) selbst kriminalisiert. Alle Nazi-Granden hatten die Ausrede, “Befehl ist Befehl!” Und die amerikanischen Ankläger haben richtigerweise dagegen gehalten: “Das tilgt doch nicht eure Schuld. Ihr habt euer Gewissen abgegeben, eure Personalität; beim Eintreten in das Walhall eurer Geschichte habt ihr es ausgetauscht gegen den Stahlhelm. Ihr habt nur noch gedacht, was befohlen wurde. Was wart ihr denn fuer Menschen, als ihr euch freiwillig entmenschlicht habt.” Die Amerikaner haben die von ihnen aufgestellten Nuernberger Prinzipien (s. https://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Prinzipien ) allerdings nie auf sich selbst bezogen.

1995 hat Guenter Jauch den Bomberpiloten Charles Sweeney (der am 9. August die Atombombe auf Nagasaki abgeworfen hat) in seiner RTL-Sendung gefragt: “Mister Sweeney, Sie waren damals knapp 20 Jahre alt und haben eigenhändig ueber 100.000 Menschen umgebracht, mehr als jeder andere zuvor, ausgenommen ihr Staffelkamerad Majors Eatherly (s. http://www.zeit.de/1964/35/der-bomberpilot-von-hiroshima ) drei Tage vorher. Was ist da in Ihnen vorgegangen?” Die saloppe Antwort Sweeneys ist mir unvergesslich: “Befehl ist Befehl, jeder Soldat der Welt hätte dasselbe getan.” Und damit hatte Sweeney sogar recht.

Es kommt ein Anderes hinzu: Unsere eigene Sache ist grundsätzlich immer die gute. Warum muss sich Amerika mit der Ostausdehnung (der NATO) immer weiter hineingraben in die Vakuumsländer der alten Sowjetunion? Mittelasien, Kirgistan, Kasachstan, Usbekistan, inzwischen auch Georgien, der Manöveraufmarsch im Baltikum (und) das soll so weitergehen. Die Ukraine (wurde) durch die Farbrevolution im Grunde okkupiert, vorbereitet (wird) die Abtrennung Weißrusslands und seiner Hauptstadt Minsk von der Russischen Föderation. Es soll nicht aufhören. Das dient nicht dem Frieden, es erhöht nur das Leid der Bewohner dieser Regionen.

Als Europäer können wir nur sagen, die Amerikaner sollten aufhören, auf unserem Ruecken, auf unsere Kosten, auf unserer Haut und unseren Knochen ihre Machtspiele weiter auszudehnen. Dann kommt noch ein absolut vereinfachtes Weltbild hinzu: Wir sind die Guten und drueben sind die Bösen. Um Menschen in Serie töten zu können, duerfen sie eigentlich keine Menschen mehr sein. (Als) “Unmenschen, Gegenmenschen, Bestien, Ungeziefer, Wahnsinnige” oder irgend so etwas werden sie in der BILD-Zeitung beschrieben, und dass sie “abgeschafft” gehören. Nach Meinung des Friedensnobelpreisträgers Obama “verstehen sie nur die Sprache der Gewalt”. Wer das ernsthaft glaubt, kann nur noch morden. Je weniger von den Bösen ueberleben, desto besser scheint dadurch die Welt (zu werden). Aber wir selber werden immer böser dabei, und dagegen muessen wir uns wehren und unsere Kinder schuetzen.

Philip Zimbardo hat ein Buch geschrieben, “Der Luzifer-Effekt” (weitere Informationen dazu s. unter http://www.deutschlandfunkkultur.de/philip-zimbardo-der-luzifer-effekt-wieman-der.1270.de.html?dram:article_id=391736 ). Das meint genau dies. Wir versuchen den Teufel von der Erde zu vertreiben und in die Hölle zurueck zu bomben. Aber das Ergebnis ist umgekehrt, wir verwandeln die ganze Erde in eine Hölle und uns selber in Teufel. Denn den Menschen bringen wir bei, dass es richtig ist, Befehle, die gegen unsere “Feinde” gerichtet sind, auch auszufuehren. Unsere Feinde wären aber nicht unsere Feinde, wuerden wir mit ihnen reden und versuchen, sie zu verstehen. Fuer jeden Mann und jede Frau ist das die normale Form der Versöhnung, warum (sollte die) zwischen Staaten nicht (möglich) sein?

Sechs Wochen militärischer Drill – Erich Maria Remarque hat in seinem (Buch) “Im Westen nichts Neues” gesagt: “Die (sechs Wochen) haben genuegt, dass wir fuer jeden ehemaligen Postboten im Schlamm kriechen und alles, was er sagt, tun. Wir sind keine Menschen mehr, wir sind wilde Tiere, wir sind Mörder geworden.”

Wer Tucholsky zitiert und sagt “Soldaten sind Mörder” (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Soldaten_sind_M%C3%B6rder ), kann als Verfassungsfeind angeklagt werden, weil die Bundeswehr ein Verfassungsorgan ist. Unser Forderung ist, sie endlich aufzulösen. Sie ist völlig ueberfluessig. Wir hätten keine natuerlichen Feinde, wenn wir den gesamten Ruestungsetat fuer die Interessen konvertieren wuerden, die Menschen tatsächlich haben, wenn sie leben wollen. So lange wir aber den Krieg fuer die Ruestungsindustrie sponsern – als Rammbock einer inhumanen Wirtschaftsordnung, zur Ausdehnung des Kapitalismus und um Zugriff auf die Rohstoffe und die Handelswege zu haben, fuer eine Regime-Change-Politik, die in Staaten der Dritten Welt (Komplizen des Westens als) Präsidenten installieren will – ist das alles ein Gemenge zynischer Brutalität und einer Machtausdehnung, die den Namen Menschlichkeit noch nicht einmal im Ansatz verdient. Damit wird nicht die Zukunft gerettet, sondern nur die Vergangenheit immer wieder repetiert. Damit wird die Steinzeit in die Gegenwart geholt und alles verhindert, was wir als Hoffnung in die Zukunft setzen.

Ich entsinne mich eines Vortrags “Wozu Griechisch?”, der gesponsert wurde von Frau von der Leyen ueber den Altphilologen-Verband in Niedersachsen. Sie saß in der ersten Reihe, und ich ergriff die Gelegenheit, den Nutzen des Altgriechischen in unserem Themenzusammenhang vorzustellen. Lesen Sie Euripides (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Euripides ). Im Peloponnesischen Krieg (s. dazu auch https://de.wikipedia.org/wiki/Peloponnesischer_Krieg ), der im letzten Drittel des 5. Jahrhunderts (v. Chr.) stattfand, verlieren Athen und Sparta ihre geschichtliche Rolle. Dreißig Jahre lang hat das grausame Morden gewuetet. Und viele sind heute noch begeistert von den Helden, die Homer (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Homer ) besingt: Agamemnon, Odysseus und Achill (werden) als großartige Vorbilder (verehrt). Alexander der Große schlief mit Homers Ilias unter dem Kopfkissen ein.

Es ist Euripides, der mitten in dem Wahnsinn in seiner Tragödie “Die Troerinnen” (s.https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Troerinnen ) lediglich die Perspektive ändert. Er betrachtet den Krieg nicht aus der Perspektive der Heroen, sondern aus der Perspektive der Opfer, der Frauen und Kinder. Astyanax, der kleine Sohn der Andromache (s. https://de.wikipedia. org/wiki/Andromache ) wird an der Stadtmauer zerschmettert, damit aus dem Hause des trojanischen König Priamos (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Priamos ) kein Nachfolger mehr kommen kann, der die Griechen bedrohen könnte. Polyxena (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Polyxena_(Tochter_des_Priamos) ) wird abgeschlachtet, damit ihr Blut den bösen Geist des Achill besänftige. Andromache selber wir abgefuehrt in die Sklaverei. Kassandra, die Sehende und Wissende, die Heroine des Agamemnon, wird mitgenommen nach Mykene.

Das ganze Grauen, das Leiden der Kinder, das Leiden der Frauen, wird es je gesehen, wenn das Wort “Krieg” fällt? Drei Viertel aller Opfer sind Kinder, sind Frauen, sind alte Leute. Und dann will man den Sieg feiern – mit Paraden, die von New York bis nach Los Angeles durch das ganze Land gehen und länger dauern als der ganze Krieg “Desert Storm” (gegen den Irak) im Jahr 1991 (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Zweiter_Golfkrieg ). Nach dem Krieg muss man das Gewissen der Mörder reinwaschen und sie wieder aufnehmen in den Schoß der Beifall zollenden Bevölkerung. Auch sie verhält sich schizophren. Sie hat nicht gesiegt, sie hat alles verraten, was Menschen als Sieg betrachten könnten. Es wurde ueber Leichen gegangen fuer ein Ziel, das immer unerreichbarer wird, wenn es denn jemals Frieden, Menschlichkeit und Gerechtigkeit gewesen wäre.

In unserer digitalen Bildungsoffensive wird wahrscheinlich Euripides nicht mehr gelesen werden. Darum empfehle ich, dass wir uns im Deutschunterricht eines Autors erinnern, von dem Reich-Ranicki (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Reich-Ranicki ) sagte, er sei “inaktuell”. In Wahrheit ist er aktueller denn je – wegen der Wiedereröffnung des so genannten Kalten Krieges, wegen der erneuten Vorbereitung einer atomaren Auseinandersetzung, wegen der Verwandlung der ganzen Welt in ein Schlachtfeld. 1947 stirbt in Basel Wolfgang Borchert (s. https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Borchert ), (der) Autor des Buehnenstuecks “Draußen vor der Tuer”, ein Mann, der die Welt nur noch durch die Gasmaskenbrille des Zweiten Weltkriegs sieht. Und er versteht nicht, was man mit ihm gemacht hat und wie es weitergeht, und dass die Generäle schon wieder arriviert sind und dass sich die Kriegsgewinnler schon wieder in ihren bequemen Sesseln räkeln. Der lungenkranke Wolfgang Borchert hat uns ein Testament hinterlassen. Er kann eigentlich nur noch zu uns reden, durch die Stimme, die wir ihm verleihen – beschwörend, bittend. flehend (frei zitiert nach http://www.bo-alternativ.de/borchert.htm ): Mutter in der Ukraine, Mutter in Deutschland, wenn sie wieder kommen und euch sagen, ihr sollt Kinder gebären, Jungen fuer die Schuetzengr.ben, Mädchen fuer die Spitäler, Muetter in der Ukraine, Muetter in Deutschland, sagt NEIN! Mann an der Werkbank, wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst statt Kochgeschirren und Wasserrohren Kanonen und Handgranaten ziehen, Mann an der Werkbank, sag NEIN! Und Forscher im Labor, wenn sie wiederkommen und dir sagen, du sollst den neuen Tod entdecken fuer das alte Leben, Mann im Labor, sag NEIN!

Und wenn wir schon in einer Versöhnungskirche sind, und miterleben, dass wir immer noch Militärpfarrer haben, die uns beibringen wollen, die Verantwortung der Deutschen sei die (erneute) Bereitschaft zum Fuehren internationaler Kriege, dann antworten wir denen mit dem letzten Satz aus Borcherts Testament: Pfarrer auf der Kanzel, wenn sie wiederkommen, und dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg heilig sprechen, Mann auf der Kanzel sag NEIN, denn wenn du nicht NEIN sagst, wir das alles schlimmer denn je weitergehen. Und das muessen wir gemeinsam verhindern!

Ich wollte eine politisch-humane Mahnrede halten, aber bei so viel Beifall in einer Kirche wage ich zu äußern, was ich im Grunde sagen wollte. Der Mann aus Nazareth hat mit seiner Botschaft absolut recht: Der Frieden kommt nicht durch die ueberlegenheit der Stärkeren, das wäre ein Kapitulationsfrieden, wie die Welt ihn gibt. Im Johannes-Evangelium steht, Jesus habe beim Einzug in Jerusalem gesagt: “Meinen Frieden gebe ich euch nicht wie die Welt ihn gibt.” (Sein Frieden) erfordert als erste Maßnahme die einseitige Abruestung. Beim Einzug in Jerusalem spricht Jesus das fuer mich schönste Wort zu unserem Thema. Es steht am Beginn der Bergpredigt: “Gluecklich wage ich die Menschen zu nennen, die es unternehmen, inmitten dieser Welt wehrlos zu bleiben, denn nur sie haben das Zeug, den Frieden zu bereiten,” nachzulesen in Matthäus 5 (s. https://www.bibleserver-.com/text/HFA/Matth%C3%A4us5 ) und gueltig fuer alle Zeit.

Source: LUFTPOST Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein LP 150/17 – 14.09.2017
http://www.ramstein-kampagne.eu/wp-content/uploads/2017/09/LP15017_140917-1.pdf

(Wir haben versucht, den Text der völlig frei gehaltenen, aufruettelnden Rede ohne jede inhaltliche Veränderung durch das Umstellen von Sätzen und durch in Klammern eingefuegte einzelne Worte und Links leichter lesbar zu machen. Der originale Wortlaut der Rede ist in der eingangs verlinkten Videoaufzeichnung zu hören.)

VISDP: Wolfgang Jung, Assenmacherstr. 28, 67659 Kaiserslautern

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